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55 Jahre "Bock"

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55 Jahre

55 Jahre 1965 – 2020 «Das ist unser antrieb, unser ziel» Vor 16 Jahren übernahm der Unternehmer Giorgio Behr als Verleger den «Bock». Zum 55-Jahr-Jubiläum der Gratis-Wochenzeitung schaut er auf die letzten Jahre zurück und erklärt, was unser gemeinsames Ziel ist. IN EIGENER SACHE BERINGEN Giorgio Behr 2004 – die «Dotcom-Blase» war überstanden, die Wirtschaft lief wieder auf Hochtouren. Doch der «Schaffhauser Bock» stand vor dem Aus. Hilferufe aus dem Kreis der «Bock»-Angestellten bewogen mich, die Rettung der «unabhängigen Stimme» in der kleinen Schaffhauser Medienlandschaft zu prüfen. Der «Bock» war damals gegenüber den «Schaffhauser Nachrichten» stark verschuldet. Die Einigung, auf einer einzigen Seite, mit deren Verleger Max Rapold kam kurz vor Weihnachten 2004. Mit ihm hätte auch ein Handschlag genügt. Wir legten «Schaffhauser Magazin» und «Schaffhauser Mappe» unter der Führung der Tageszeitung zusammen. Die Mehrheit am neu gegründeten Verlag «Schaffhauser Bock» übernahm ich. Rasch kam der «Bock» mit Ursula Litmanowitsch als Chefin der Redaktion auf Leserzahlen, die über jenen der abonnierten Auflage der letzten verbliebenen Tageszeitung in Schaffhausen lagen. Doch mit dem Tod von Max Rapold, später auch jenem von Norbert Neininger, fehlte die für eine Partnerschaft wichtige Grundlage: Langjähriges gegenseitiges Vertrauen. Daher kaufte ich den Minderheitsanteil der «SN» am «Bock» und gab jene am Magazin ab. Ein unabhängiges Printmedium Die «AZ» hatte sich 2004 über mich mokiert als Mann ohne verlegerische Erfahrung, mein Scheitern als kaum vermeidbar vorausgesagt. Doch der «Bock» etablierte sich als wichtige Alternative. Die Leserzahlen stiegen rasch an. Unser Ziel – ein unabhängiges Printmedium – war erreicht, die Arbeitsplätze gesichert. Das Magazin hat sich in mehreren Schritten ebenfalls gewandelt und gut entwickelt. Die gemeinsam mit Max Rapold gefundene Lösung hat sich als zukunftsfähig erwiesen. Mit der immer wieder mal durch gut recherchierte Beiträge auf sich aufmerksam machenden «AZ» gibt es so in unserer «Daher können wir weiterhin ohne staatliche subventionen den kernauftrag der medien wahrnehmen.» Giorgio Behr kleinen Region ein beachtliches Angebot an Print-Medien. Ein Neuanfang René Steiner, jahrzehntelang der Spiritus Rector des Mediums, hat die Tradition des «Bocks» geprägt. Seine Artikel wurden stark beachtet, durchaus auch gefürchtet. Er darf auf sein Werk als Gründer stolz sein. Viele Jahre lang dauerte der Aufstieg mit der neuen Crew, mit Kurt Bühlmann und Ursula Litmanowitsch. Daniel Thüler arbeitete gut, die Zeit ums Jubiläumsjahr 2015 war sehr erfolgreich. Doch später kam eine Delle. Die Leserzahlen gaben nach, die Ergebnisse ebenfalls. Mit dem radikalen Neuanfang unter Verlagsleiter Andreas Wittausch und mit Chefredaktorin Nathalie Homberger, die zusammen mit einigen langjährigen, erfolgreichen «Bock»-Leuten ein weitgehend neues Team zusammengeschweisst haben, 2004 übernahm Giorgio Behr den «Bock» als Mehrheitsaktionär. Bild: Nik Hunger macht die Sache wieder Spass. Der «Bock» ist zurück auf dem Erfolgsweg. Verteilgebiet vergrössert Der «Bock» hat vor einigen Jahren auch das Rafzerfeld mit Eglisau und dem südlichen Kantonsteil als Verteilgebiet erschlossen. Diese Region wächst enorm schnell. Sie ist getragen von vielen sehr aktiven Unternehmerinnen und Unternehmern. Neue, attraktive Zentren sind so entstanden. Daher ist der Zusatz «Schaffhauser» aus dem Titel verschwunden. Wir unterstreichen damit: die Achse entlang der S9 von Schaffhausen bis Eglisau ist für die Region Schaffhausen ebenso wichtig wie Klettgau und Reiat oder die nach Schaffhausen hin orientierten Dörfer am linken Rheinufer. Lokal ist uns zentral Wohin führt uns die Reise? Wir haben viele Pläne. Schritt für Schritt bauen wir unser Angebot aus, nutzen neue Optionen. Lokal ist für uns zentral – die neusten Nachrichten aus aller Welt findet man nicht mehr in den Tageszeitungen; bei deren Erscheinen weiss man aus Internet und Radio schon längst mehr. Traditionelle Kolumnen bringen im «Bock» ebenso wie neue Formate Ansichten, Hintergründe, aber auch zu Unrecht übersehene oder gering geschätzte Aktivitäten ins Bewusstsein unserer vielen Leserinnen und Leser. Das ist unser Antrieb, unser Ziel – so bleiben wir attraktiv, auch für unsere Werbepartner. Wir verkaufen keine teuren Abonnemente, daher können wir solche Einnahmen auch nicht verlieren. Wir lebten auch nicht fürstlich von Immobilien- oder Stellenanzeigen, die heute immer mehr ins Internet verschwinden. Daher können wir weiterhin ohne staatliche Subventionen den Kernauftrag der Medien wahrnehmen: unabhängig, kritisch, interessant und unterhaltsam berichten. Aus der Region – für die Region. steter wandel der wochenzeitung Der «Bock» ist 55 Jahre alt. In den fünfeinhalb Jahrzehnten hat er sich mehrmals gewandelt. Vom Gratisanzeiger wurde er zur gern gelesenen Wochenzeitung. MEDIEN SCHAFFHAUSEN / BERINGEN Marcel Tresch Die Mittzwanziger René Steiner, Willy Grüninger, Alfred Roost und Walter Hauser gründeten vor 55 Jahren den «Schaffhau-ser Bock» und wirbelten damit in der hiesigen Medienlandschaft mächtig Staub auf. Von den Schaffhauser Zeitungen wurde das Erscheinen des Gratisanzeigers als ernsthafte Bedrohung empfunden, zumal der Neue auf dem Markt mit einem massiv tiefen Preis von 20 Rappen pro Inseratemillimeter bei einer Auflage von 28 950 Exemplaren startete. Von der grossen Unruhe ergriffen waren die täglich erscheinenden «Schaffhauser Nachrichten», die katholische «Schaffhauser Zeitung» sowie die «Schaffhauser Arbeiterzeitung». Dreimal wöchentlich erschienen der «Steiner Anzeiger», die «Klettgauer Zeitung» und der «Schleitheimer Bote». Im Weiteren wurde einmal in der Woche das «Thaynger Heimatblatt» gedruckt. uns und unsere Ziele wissen wollen, dann beachten Sie doch bitte unsere Stellungnahme. Gegen ein systematisch verbreitetes Gerücht müssen wir uns allerdings hier mit aller Schärfe wenden: Der ‹Schaffhauser Bock› ist in keiner Weise politisch abgestempelt. Die vier Verwaltungsratsmitglieder der Verlagsfirma gehören vier verschiedenen Parteien an – die konfessionelle und politische Unabhängigkeit des Verlags ist ausserdem statuarisch verankert. Daran ändert auch der von uns nach rein wirtschaftlichen und technischen Erwägungen bestimmte Druckort – die Unionsdruckerei AG Schaffhausen – keinen Deut. Dürfen wir unsere Freunde im anderen Lager bitten, dies endlich zur Kenntnis zu nehmen und den Kampf fortan mit fairen Mitteln zu führen?» Die Konkurrenz agierte in Panik Wie sehr die Neulancierung der Wochenzeitung anderen Medien Angst einflösste, es könnte jemandem etwas – sprich Inserateumsatz und -einnahmen – weggenommen werden, zeigte die Reaktion der grössten Tageszeitung. Noch vor dem Erscheinen der ersten «Bock»-Ausgabe wurde von den «Schaffhauser Nachrichten», zusammen mit weiteren Zeitungen der Nachbarkantone Zürich und Thurgau der alle sieben Tage erscheinende «Wochen Express» lanciert. Nur die «Schaffhauser Arbeiterzeitung» distanzierte sich Verleger René Steiner damals noch Sozialdemokrat war und der «Schaffhauser Bock» im Haus dieses Konkurrenzblattes gedruckt wurde. Im Weiteren schrieb Willy Grüninger in der ersten Ausgabe: «Wir wollen aber nicht über Gebühr über unfeine Methoden jammern – schliesslich sind wir für eine neue Idee angetreten – nun werden wir auch dafür zu kämpfen wissen.» Ein Stich ins Herz der Konkurrenz Nun ja. Die Sticheleien eines Mediums über das andere und umgekehrt sollten noch über Jahrzehnte hinweg anhalten. Die Absicht der Gründer des «Schaffhauser Bocks» war, neben den «Schaffhauser Nachrichten» der regionalen Bevölkerung eine zweite Stimme zu geben. Allerdings erfolgte dies erst im Laufe der Jahre, wohl auch durch die Schwankungen der Inserate-Aufträge bedingt. In den Anfängen bestand nämlich der Redaktionsteil nicht selten aus lediglich einer halben Seite bei einem Zeitungsumfang von acht Seiten und oft bestand selbst die Frontseite aus lauter Inseraten. Wohl nicht zuletzt deshalb wurden die sogenannten Gratisanzeiger als Parasiten im Schweizer Pressewesen bezeichnet. Entsprechend hatte sich der «Schaffhauser Bock» gegen viele Angriffe, auch von Seiten der Regionalpresse, zu wehren. Ein Stich ins Herz der Konkurrenz musste es geradezu gewesen sein, als die Verleger mit einer fast revolutionären Idee auf den hiesigen Markt kamen: die kostenlose Verteilung. Dazu wurde in der siebten Ausgabe vom 12. November 1965 geschrieben: «Vielleicht haben Sie be- Kampf mit fairen Mitteln gefordert Dass der «Schaffhauser Bock» in den Redaktionsstuben für rote Köpfe sorgte, belegte die erste Ausgabe vom 1. Oktober 1965, in der sich Willy Grüninger bereits genötigt sah, sich zur Wehr zu setzen: «Seitdem wir vor vier Wochen unseren Prospekt versandt haben, geistern die unmöglichsten Gerüchte um unsere Zeitung von dieser Konkurrenz-Wochenzeitung, durch das Land. Wenn Sie genaueres über nicht zuletzt deshalb, weil zum einen der Fortsetzung auf Seite 3 Ausschnitt aus der ersten «Bock»-Ausgabe vom 1. Oktober 1965. Bild: Marcel Tresch

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