Aufrufe
vor 9 Monaten

Beilage 29. Internationales Bachfest

  • Text
  • Schaffhausen
  • Bachfest
  • Bach
  • Musik
  • Johann
  • Kantate
  • Konzert
  • Internationales
  • Bachfestes
  • Franz

8 29.

8 29. INTERNATIONALES BACHFEST 24. Mai 2022 9 Fünf Kantatengottesdienste bereichern das Bachfest Vom grenzenlosen Glück bis zu begrenzten Sorgen Mit «Herz und Mund und Tat und Leben» findet am 29. Mai unter der Leitung von Kurt Müller Klusman der letzte Kantatengottesdienst des diesjährigen Bachfestes statt. Der Dirigent verrät, warum er kein Lampenfieber hat und welche Rituale für ihn wichtig sind. Gabriella Coronelli Schaffhausen. Seit Sommer 2009 ist Kurt Müller Klusman der musikalische Leiter des Schaffhauser Oratorienchors. Als Dirigent fungiert er zudem auch beim Chor des Gymnasiums Unterstrass in Zürich sowie beim Ensemble «CantAlumni», welches er auch gründete. Neben seinen Aufgaben als Dirigent ist der gebürtige Glarner auch Sänger, Komponist und Musikpädagoge. Der Träger des Glarner Kulturpreises übernimmt am 29. Mai um 9.30 Uhr im Münster in Schaffhausen die Leitung der letzten Kantate am diesjährigen Bachfest. Mit «Herz und Mund und Tat und Leben» vollendet er damit den Abschlussgottesdienst des 29. Internationalen Bachfestes Schaffhausen. Kurt Müller Klusman ist beim Bachfest keine unbekannte Grösse. Vor acht Jahren dirigierte er am Bachfest das Eröffnungskonzert mit der Bach-Kantate «Tönet ihr Pauken! Erschallet, Trompeten». Seit dieser erfolgreichen Aufführung wirkte der engagierte Musiker immer wieder mit dem Schaffhauser Oratorienchor am Internationalen Bachfest mit. Zuteilung der Kantaten Die erste Auswahl der Werke, welche bei den Kantatengottesdiensten aufgeführt werden könnten, trifft die Internationale Bachgesellschaft. Danach treffen sich alle Chorleitenden zum Austausch. «Der Entscheid, welcher Chorleiter welche Kantate dirigiert, wird meistens sehr pragmatisch gefällt», berichtet Kurt Müller Klusman. Wenn beispielsweise kurz vor einem Bachfest, oder parallel dazu, ein weiteres Konzert auf der Agenda stehe, falle die Entscheidung auf eine eher kleinere Kantate, welche die Sängerinnen und Sänger nicht zu sehr belaste. Sobald die Verteilung der Kantaten abgeschlossen ist, werden die Solistinnen und Solisten gewählt. In der Regel teilen sich zwei Chöre einen Solisten. Den echten Marathon leiste jedoch das Orchester. Am Probetag beispielsweise, an welchem alle Beteiligten zusammenkämen, sei es das Orchester, welches von morgens bis abends anwesend sei und somit über den ganzen Tag mit der vollen Konzentration präsent sein müsse. Anspruchsvolle Wahl Die für den Abschlussgottesdienst ausgesuchte Kantate «Herz und Mund und Tat und Leben» sei ein schwieriges, anspruchsvolles Stück. «Es ist fast ein Trompetenkonzert. Die Solotrompete hat einen sehr wichtigen Teil in Als Chorleiter gestaltet Kurt Müller Klusman die Musik zusammen mit Menschen und tritt während seiner Arbeit in Interaktionen mit ihnen. Bilder: Gabriella Coronelli Kantatengottesdienste 29. Internationales Bachfest Schaffhausen Mittwoch, 25. Mai, um 17 Uhr, Reformierte Kirche, Neuhausen, «Gelobet sei der Herr, mein Gott» BWV 129 Diese Choralkantate auf der Grundlage eines fünfstrophigen Liedes komponierte Bach in Leipzig für Trinitatis; sie wurde wahrscheinlich erstmals 1726 aufgeführt. Sie ist ein Lob des dreieinen Gottes als Geber von Leben, Heil und Trost. Die festlich besetzte Kantate schliesst mit einer prächtigen Choralfantasie. Donnerstag, 26. Mai, um 9.30 Uhr, Kirche St. Johann, Schaffhausen, «Es erhub sich ein Streit» BWV 19 In Leipzig erstmals am Michaelisfest 1726 erklungen, handelt diese Kantate (die unter anderem auf einem Gedicht Picanders basiert) vom Kampf des Erzengels Michael und seiner Getreuen mit einem Drachen, der aus dem Himmel verstossen wird. Der Eingangssatz ist einer der monumentalsten Eröffnungschöre Bachscher Kantaten. Freitag, 27. Mai, um 9.30 Uhr, Kirche St. Maria, Schaffhausen, «Brich dem Hungrigen dein Brot» BWV 39 Die Kantate wurde komponiert für den 1. Sonntag nach Trinitatis des Jahres 1726 und gehört zum dritten Leipziger Kantatenjahrgang. Der Text der Kantate stützt sich auf das Gleichnis vom reichen Mann und dem armen Lazarus. Thema der Kantate ist in Anlehnung an die Bibeltexte der Aufruf zur Nächstenliebe. Samstag, 28. Mai, um 9.30 Uhr, Kirche Burg, Stein am Rhein, «Die Himmel erzählen die Ehre Gottes» BWV 76 Am 6. Juni 1723 uraufgeführt, ist diese Kantate über die Hinwendung zu Gott und zur Liebe die zweite von Bachs Leipziger Kantaten nach seinem dortigen Dienstantritt. Mit welchem Eifer Bach sich seiner neuen Aufgabe widmete, zeigt die beträchtliche Ausdehnung der Kantate in zwei Teile (vor und nach der Predigt). Auf den zweiteiligen Eingangschor folgen dreizehn weitere, teils recht kurze Sätze mit einer Vielfalt an musikalischen Formen. Sonntag, 29. Mai, um 9.30 Uhr, Münster, Schaffhausen, «Herz und Mund und Tat und Leben» BWV 147 In Weimar für den 4. Advent 1716 komponiert, erweiterte Bach diese Kantate 1723 in Leipzig für das Fest «Mariä Heimsuchung». Sie ruft die Gläubigen zum Bekenntnis der Gläubigen zu Christus «in Wohl und Weh». Ihr Choral «Wohl mir, dass ich Jesum habe» beziehungsweise «Jesus bleibet meine Freude», gehört zu Bachs bekanntesten Werken. Seit Sommer 2009 ist Kurt Müller Klusman der musikalische Leiter des Schaffhauser Oratorienchors. diesem Stück», so der erfahrene Dirigent weiter. Die Kantate sei ein Concerto Grosso und ginge zwischen dem Orchester, der Trompete und dem Chor hin und her. Gleichzeitig werde eine komplizierte Fuge gesungen (Anmerkung der Redaktion: Bei der Fuge handelt es sich um ein vielstimmiges Instrumental- oder Gesangsstück mit meist drei oder vier gleich wichtigen Stimmen). Diese Kombination sei für alle beteiligten Musizierenden sehr anspruchsvoll. «Ich und viele meiner Musikkolleginnen und Musikkollegen staunen, wie Johann Sebastian Bach so eine komplexe Musik auf Papier bringen konnte. Es ist einfach unglaublich», schwärmt Kurt Müller Klusman. Energien richtig einsetzen «Ich habe lange als Solist gesungen, was ich als einsamen Beruf empfunden habe. Ich bereitete mich gut vor, ging ans Konzert, sang so gut ich konnte und ging dann wieder. Die meiste Zeit arbeitete ich allein», fasst Kurt Müller Klusman seine Zeit als Solist zusammen. Als Chorleiter gestalte er die Musik zusammen mit Menschen und trete so während seiner Arbeit in Interaktionen mit ihnen. Als Dirigent sei er darauf bedacht, seine energetischen Kräfte richtig einzusetzen. Dann zahle sich die Arbeit immer aus. Als Chorleiter stecke er meist über mehrere Monate sehr viel Energie in die Arbeit und bekomme erst am Schluss wieder viel zurück. Als Leiter diverser Singgruppen, leite er gemischte Chöre aus verschiedenen Altersklassen. «Es macht für mich als Chorleiter überhaupt keinen Unterschied, ob die Singgruppe aus Erwachsenen oder Jugendlichen besteht. Die erzieherischen Aufgaben sind genau dieselben», verrät Kurt Müller Klusman schmunzelnd. Lampenfieber und Rituale «Ich habe kein Lampenfieber. Ich spüre allerdings jeweils vor der ersten Orchesterprobe eine gewisse Nervosität», berichtet der erfahrene Musiker. Er trete jeweils mit der Gewissheit auf, in der Vorbereitungszeit alles in seiner Macht Stehende unternommen zu haben. Entsprechend könne er die Nervosität gut loslassen. Vor einer Veranstaltung achte Kurt Müller Klusmann auf ausreichend Schlaf. Die nötige Sicherheit erlange er, indem er die vorzutragenden Werke so lange studiere, bis er sie richtig im Kopf habe. Fühlt ein Dirigent eine Spannung oder empfindet er Angst, dann überträgt sich das oft auf den gesamten Chor und das Orchester. Mit diesem Wissen achte er besonders darauf, seine positive Ausstrahlung immer zu bewahren. Ein wichtiges Ritual für ihn findet jeweils kurz vor einem Konzert statt. Wenn das Orchester die Instrumente stimmt, die Sängerinnen und Sänger sich in der Garderobe auf den bevorstehenden Auftritt vorbereiten, treffe sich Kurt Müller Klusman nochmals flüchtig mit den Solistinnen und Solisten. «Gegenseitig wünschen wir uns toi, toi, toi und viel Spass», erzählt der Musiker. Kleine Unsicherheiten begleiten den in Zürich wohnhaften Dirigenten auch noch nach vielen Berufsjahren. Während der Anreise zum Aufführungsort überlege er jeweils, ob er wirklich alle Teile seines Fracks eingepackt habe. Hosenträger, Gilet, Papillon, die richtigen Schuhe und alle weiteren Kleidungsstücke werden mental einzeln durchgegangen. Danach stellt er sich die Frage, ob er denn die Noten auch wirklich eingepackt habe, oder ob er auch das Konzert auswendig könne. Glücklicherweise habe er bis jetzt weder jemals Noten noch Kleidungsstücke vergessen. Dies kann als grenzenloses Glück oder auch als begrenzte Sorge angesehen werden. Die für den Abschlussgottesdienst ausgesuchte Kantate «Herz und Mund und Tat und Leben» sei ein schwieriges, anspruchsvolles Stück.

weitere Ausgaben