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Beilage Museen der Region 2021

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12 MUSEEN DER REGION 30.

12 MUSEEN DER REGION 30. November 2021 Die Schaffhauserin Susi Iff Kolb über ihren Beruf und Leidenschaft, die Fotografie «Erst im Alter realisierte ich: Ich war gar nicht schlecht» Alles ist möglich – so lautet das Lebensmotto von Susi Iff Kolb. In den Fünfzigerjahren ergreift die Schaffhauserin einen künstlerischen Beruf, als dies noch alles andere als üblich ist. Sie durchläuft dieselbe Schule wie der legendäre Magnum-Fotograf René Burri. Jeannette Vogel Schaffhausen/Wald. Der Sohn wird Maurer, die Tochter schlägt eine kaufmännische Laufbahn ein. In der ersten Hälfte des zwanzigsten Jahrhunderts – und darüber hinaus – bestimmen häufig die Eltern, wo es im Leben ihrer Kinder lang gehen soll. Die Eltern fahren mit dem Mädchen von Schaffhausen nach Lausanne und lernen dort die «wahnsinnig nette» Madame kennen, bei der die Tochter während der Ausbildung wohnen soll. «Das Glück meiner Eltern währte drei Wochen», erinnert sich Susi Iff Kolb. «Dann fällte ich meine erste grosse Entscheidung: Ich weigerte mich, ins Welschland zu gehen.» Wie es weiter gehen soll, weiss die Siebzehnjährige, die ihre Schulbücher mit Piet-Mondrian-Kopien eingebunden hat, allerdings nicht. Ihr älterer Bruder Otto Kolb (1921–1996) unterrichtet inzwischen an der Kunstgewerbeschule in Zürich und schlägt vor, sie dort anzumelden. «Ich dachte jahrzehntelang, sie hätten mich nur wegen ihm aufgenommen», sagt Susi Iff Kolb. «Erst im Alter realisierte ich: Ich war gar Zur Person Susi Iff Kolb wurde am 16. April 1932 in Schaffhausen geboren und ist dort aufgewachsen. Von 1950 bis 1953 besucht sie die Fotoklasse der Kunstgewerbeschule Zürich.1955 heiratet sie Hanspeter Iff, der 2016 verstarb. Zusammen haben sie vier Söhne und mehrere Enkel. Susi Iff Kolb möchte sich in den kommenden Jahren wieder der Fotografie widmen. nicht schlecht.» Sie besucht 1949 den Vorkurs an der Kunstgewerbeschule und entschliesst sich, Fotografin zu werden: «Das war meine zweite grosse Entscheidung.» «Keine Menschen!» Gespannt wartet die Fotoklasse auf den Meister der Sachaufnahme Hans Finsler: «Ich weiss noch, wie ich dachte, jetzt geht’s endlich richtig los.» Finsler gründete 1932, dem Geburtsjahr von Susi Iff Kolb, die Abteilung für Fotografie und leitete diese auch. Die erste Aufgabe, die er seinen Schülerinnen und Schülern gibt: «Ihr müsst lernen, Stecker zu flicken.» Elektroarbeiten ausführen zu können, hatte einen praktischen Grund: «Wenn das Licht fehlt, kannst Du zusammenpacken, sagte Finsler», erinnert sich Susi Iff Kolb. Starke Lampen und weisser Hintergrund, die sogenannte neue Sachlichkeit war Finslers Element. «Er erwartete beispielsweise von mir, dass ich, zusammen mit meinem damals schon berühmten Bruder, Architektur fotografieren sollte.» Susi Iff Kolb will indes Menschen ablichten und tut dies in ihrer Freizeit auch. Dann kommt hoher Besuch über den grossen Teich: Edward Steichen vom New Yorker Museum of Modern Art. Er sammelt Material für seine Ausstellung «The Family of Man». Finsler lässt seine Schülerinnen und Schüler ihre Arbeiten vorlegen. «Es war schon schwierig, dem kritischen Blick von Finsler stand zu halten. Bei Steichen erstarrten wir fast vor Ehrfurcht.» Der grosse Steichen zeigt sich enttäuscht «keine Menschen!». Er ist auf der Suche nach Menschenbildern, die kühle Sachfotografie passt nicht in sein Ausstellungskonzept. «Finsler stand unter Schock», erinnert sich Susi Iff Kolb. «Dann ermunterte er uns, auf die Strasse zu gehen und Passanten zu fotografieren.» Klassenkollege René Burri Die Anfänge der Fotografie waren Männersache, die Fotoklasse wurde jedoch von Männern und Frauen besucht. «Wir wollten einen Beruf erlernen. Handfeste, künstlerisch ansprechende Fotografie machen, von der wir leben konnten», sagt Susi Iff Bild: Jeannette Vogel Kolb. «Keiner von uns ging dorthin, um berühmt zu werden.» Nichtsdestotrotz gelang verschiedenen ehemaligen Schülern der Institution an der Limmat der Durchbruch, etwa Werner Bischof (1916–1954), René Groebli (1927) oder René Burri (1933–2014), ein Klassenkamerad von Susi Iff Kolb. Ob Che Guevara, Pablo Picasso oder Alberto Giacometti, Burri fotografierte sie alle. «René war ein liebenswerter Kerl und später auch bei den Klassenzusammenkünften dabei.» Susi Iff Kolb geniesst ihre Ausbildungszeit in Zürich, an manchen Abenden besucht sie Jazz-Clubs und fährt dann mit dem letzten Zug nach Schaffhausen zurück. Fragt die Mutter nach dem Grund der späten Heimkehr, murmelt sie «Diplomarbeit»: «Aber ich roch so stark nach Rauch, meine Schwindelei flog rasch auf.» Mit der Suppe ins Strandbad Während ihrer Ausbildung entstehen erste Reportagen über die Künstler Carl Roesch und Adolf Dietrich. Als Freischaffende liebt sie es auch, Eltern mit ihren Kindern zu portraitie-

30. November 2021 MUSEEN DER REGION 13 ren. Über Carl Roesch lernt sie Anfang der Fünfzigerjahre den neuen Direktor der Thaynger Firma Knorr (heute Unilever) Johann Conrad Weilenmann kennen. Am Morgen schiesst sie Fotos in der Nährmittelfirma, den Nachmittag verbringt sie im Strandbad, mit Mahlzeiten aus der Suppenküche der «Knorri». «Es war einer meiner schönsten Sommer», erinnert sich Susi Iff Kolb. Mut und Eigeninitiative verhelfen ihr zu gut bezahlten Aufträgen. «Ich verdiente richtig viel Geld mit Fotos von Adrian Aeschbacher.» Er gehörte zu den führenden Schweizer Pianisten: «Viele Mädchen haben von dem gutaussehenden Mann geschwärmt und wollten Bilder von ihm.» Sie fasst sich ein Herz und fragt an, ob sie ihn ablichten darf. Die junge Fotografin trifft den Musiker im Hotel Bahnhof in Schaffhausen und hat ihre Rolleiflex dabei. «Er sass lässig in einem Stuhl und fragte: «Haben Sie keine Lampe mitgebracht?»», sagt Iff Kolb. «Dieser eine Satz zog mir den Boden unter den Füssen weg, mein Selbstbewusstsein schmolz dahin». Trotzdem macht sie sich an die Arbeit und fotografiert ihn – ohne künstliches Licht. Später schickt sie dem Musiker anonym einige der gemachten Bilder. «Mir gefielen die Aufnahmen. Aber ich traute mich nicht, meinen Absender drauf zu schreiben.» Monate später klingelt während des Unterrichts das Telefon, Adrian Aeschbacher fragt: «Haben Sie eine Susi Kolb in der Fotoklasse?» Es entstehen weitere Bilder von Aeschbacher, aus ihnen werden Plakate und Autogrammkarten. aus den Fünfzigerjahren aus, darunter Bilder von Fischern und Zigeunern: «Damals war diese Bezeichnung noch erlaubt. Und es gab auch keine Diskussionen über Bildrechte.» Von den vielen Fotografien, die während des einen Jahrzehnts ihres Schaffens entstanden, existieren nur noch wenige: Ihre Mutter hatte bei der Räumung des Mädchenzimmers Papierbilder, Kontaktbögen und Arbeitsabzüge fortgeworfen. «Ich war nicht traurig darüber, das Kapitel war für mich abgeschlossen», sagt Susi Iff Kolb. Die im vergangenen Jahr ausgestellten Fotografien und weitere Bilder überlässt sie nun dem Museum Kartause Ittingen. «Alles ist möglich» Seit 1975 ist das hügelige Appenzellerland ihre Heimat. Ihr Haus in Wald AR strahlt Ruhe und Beständigkeit aus. Schöne, schlichte Skulpturen aus Holz und Stein, gefertigt von ihrem Sohn Ueli Iff, bevölkern Haus und Garten. Die grosse, hohe Stube befindet sich im ehemaligen Kuhstall des dreihundertjährigen Hauses. Dort hat es viel Platz für Kunst und Kunstbücher, darunter die 2013 erschienene Monografie «Otto Kolb – Architekt und Designer». Auf dem Buchdeckel ist die Villa Kolb in Wermatswil abgebildet. Der waghalsige Rundbau aus Glas und Stahl steht im Zürcher Oberland, die Kantonale Denkmalpflege hat ihn als Schutzobjekt eingestuft. Ihr Bruder und grosses Vorbild Otto Kolb hatte das Haus Anfang der Achtzigerjahre gebaut und bewohnt. Er wurde 1948 als Dozent an das Institute of Design in Chicago berufen und kehrte 1960 in die Schweiz zurück. «Er verstand es, Menschen zusammen zu bringen.» Kolb nimmt seine kleine Schwester mit zu Max Bill und Richard Paul Lohse. Zu seinen Bekannten in den Staaten zählen etwa Frank Lloyd Wright oder Mies van der Rohe. «Alles ist möglich. Alles geht. Das hat mir mein Bruder vorgelebt.» Der Kreis schliesst sich «Weder meine Eltern noch mein Bruder oder gar mein Mann haben mir je Grenzen gesetzt», resümiert Susi Iff Kolb. Wenn sie etwas anpackt, dann mit viel Energie und Herzblut: «Das geht aber nur nacheinander.» Ihre verschiedenen Interessen führen dazu, dass sie sich, als die Kinder grösser werden, mit der Astrologie befasst. In den Achtzigerjahren baut sie das Polarity Therapie Zentrum in Zürich auf, es existiert heute unter der Bezeichnung Polarity Bildungszentrum. «Polarity ist ein umfassendes Gesundheitssystem: Es verbindet östliche und westliche Heilmethoden.» In den vergangenen 30 Jahren hat Susi Iff Kolb zudem Abbruchobjekte renoviert. Beim jetzigen Nachbarhaus, ihrem ehemaligen Wohnhaus, kamen hinter dem alten Täfer barocke Wandmalereien zum Vorschein: «Ich bekam eine Gänsehaut, als ich sie zum ersten Mal sah.» In den kommenden Jahren möchte sich die 89-Jährige erneut der Fotografie widmen. «Der Kreis schliesst sich nun wieder.» Sie blickt aus dem Fenster auf die hügelige Landschaft des Appenzeller Vorderlandes und auf ihren grossen Garten: «Ich hoffe, ich komme auch wirklich dazu. Der Alltag frisst mir meine Zeit weg.» «Zigeuner» war erlaubt Nach der Ausbildung arbeitet sie als freie Fotografin für verschiedene Zeitschriften, darunter die Kulturzeitschrift «Du», sowie für Schaffhauser Industriebetriebe. 1955 heiratet sie Hanspeter Iff. «Er war ein Vollblut-Geschäftsmann.» Nach der Geburt des vierten Sohnes hängt die Schaffhauserin die berufsmässige Fotografie an den Nagel. Es war damals üblich, dass die Frau brav zu Hause blieb und sich um die Kinder kümmerte: «Es hätte sonst Gerede gegeben, ob der Mann seine Familie ernähren kann», sagt Susi Iff Kolb. Ihre Kinder werden ihre Welt, auch in fotografischer Hinsicht. 2020 stellte das Kunstmuseum Thurgau im Rahmen von «Thurgauer Köpfe – Frauen erobern die Kunst», einige Fotografien von Susi Iff Kolb Nach ihrer Ausbildung arbeitete Susi Iff Kolb als freie Fotografin für verschiedene Zeitschriften, darunter die Kulturzeitschrift «Du», sowie Schaffhauser Industriebetriebe. Bild: zVg.

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