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Beilage Museen der Region 2021

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16 MUSEEN DER REGION 30.

16 MUSEEN DER REGION 30. November 2021 Das Gipsmuseum Schleitheim ist der letzte noch begehbare Gipsbergwerkstollen der Region Gang vom Mundloch bis zum Männerbad Das Gipsbergwerk in Schleitheim ist ein wahres Erlebnis und das einzige seiner Art, das in der Schweiz besucht und begangen werden kann. Marcel Tresch Schleitheim. Das Gipsmuseum Oberwiesen, nahe der Landesgrenze und der Wutach, wurde 1938 von den letzten Betreibern des Gipsbergwerks, der Erbengemeinschaft der Buchdruckerfamilie Johann Georg Stamm, auf privater Basis eingerichtet. In den Jahren zuvor und danach, von 1927 bis 1944, nahm sie die Wiederbelebung des Gipsabbaus vor. Weniger im Sinn eines rentablen Geschäfts, als im Sinn von Notstandarbeiten in der damals schwierigen Zeit. Nebst Egon, Hans und Magdalena Stamm war Walter Ulrich Guyan, der spätere Direktor des Museums zu Allerheiligen in Schaffhausen, beteiligt. Die ersten Besucherinnen und Besucher wurden schon in den Jahren 1935/36 in den 1904 aufgelassenen und von 1927 bis 1937 reaktivierten Stollen geführt. Am 24. April 1938 eröffnete die Familie Stamm das erste Gipsmuseum der Schweiz. Dieses soll seither die Erinnerung an das für Schleitheim wichtige und florierende Gipsgewerbe des 18., 19. und 20. Jahrhunderts wachhalten. Der letzte Stollen wurde 1936 angeschlagen und bis 1944 betrieben. Noch vor dem Ende des Zweiten Weltkriegs kam das endgültige Aus für das In verschiedenen Räumen des Gipsmuseums in Oberwiesen ist die Geschichte des Gipsabbaus übersichtlich erläutert. Schleitheimer Gipsgewerbe. Seit 1962 gehört das Gipsmuseum einer gemeindeeigenen Stiftung. Seither wird es von einigen Freiwilligen und dem Verein «Gipsstolle Schlaate» in Fronarbeit geführt, die mit viel Einsatz die notwendigen Sanierungs-, Sicherheits- sowie Attraktivierungsarbeiten vornehmen. Begehbarer Gipsbergwerksstollen Das Gebäude des Gipsmuseums befindet sich unmittelbar vor dem letzten noch begehbaren Gipsbergwerksstollen in der Region. Seit genau zehn Jahren ist es im Verzeichnis der Geotope von nationaler Bedeutung eingetragen. In kleinen Räumen – und als einziges dieser Art in der Schweiz – zeigt es auf interessante und sehr anschauliche Weise die geologische Entstehung des Gipses, den mühsamen und schweisstreibenden, bergmännischen Abbau, die Verarbeitung, die Eigenschaften und die vielfältigen Verwendungsmöglichkeiten des weissen Materials in der Landwirtschaft, im Bauwesen, in der Von aussen betrachtet wirkt der Eingang des Gipsmuseums beinahe wie ein Werkstattgebäude eines Unternehmens. Medizin, in der Kunst und in weiteren Gebieten. Das Gipsmuseum ermöglicht mit einer geologischen Karte und einem ebensolchen Profil den Überblick über die erdgeschichtliche Situation in der Region Schleitheim. Zudem ist die Entstehung des Gipsgesteins vor ungefähr 240 Millionen Jahren, in der Trias des Erdmittelalters, anschaulich dargestellt. Landschafts- und Vermessungspläne aus dem 19. Jahrhundert zeigen die Standorte der oberirdischen, rund um die Gemeinde liegenden und der unterirdischen Gipsbrüche an der sogenannten Halde nahe der Landesgrenze zwischen der Schweiz und Deutschland an der Flüelistrasse in Oberwiesen. Ebenfalls sind die Standorte der zehn Gipsmühlen in Schleitheim festgehalten. Um die Mühlen anzutreiben, wurde die Wasserkraft des Schleitheimer- und des Zwerenbaches genutzt. Die letzte Gipsmühle wurde am 1872 ausgehobenen Werkkanal in Oberwiesen gebaut. Sie verarbeitete in der 1874 erbauten Gipsfabrik mit der Bezeichnung «Fabrikation von Acker- & Baugyps, künstliche Bausteine von Stamm & Wanner» die Gipssteine zu Acker-, Bau- und Stuckaturgips sowie Bau- und Isoliersteinen aus Gips.

30. November 2021 MUSEEN DER REGION 17 Sehenswerte Ausstellung im Museum In einer Vitrine des Museums sind auch die im 19. Jahrhundert verwendeten einfachen Werkzeuge ausgestellt. Zum Sprengen gelangte Schwarzpulver zum Einsatz. Zur Beleuchtung dienten Öllampen und ab dem 20. Jahrhundert Karbidleuchten (Gaslampen). Im Weiteren werden das Brennen des Gipses sowie einige Arten des vorkommenden Gipses in Schleitheim gezeigt. Ausserdem zieren die von einem kunstbegabten Schleitheimer 1938 mit Kreide gemalten Wandbilder das kleine, sehr informativ ausgestattete Museum. Ein weiterer Raum zeigt die Verarbeitung der Gipssteine. Nach dem Vorbrand wurden diese in der Gipsstampfe zerkleinert, um danach in der Gipsmühle zu Gipsmehl verarbeitet zu werden. Das Endprodukt wurde schliesslich in Säcken und Fässern an die Kundschaft ausgeliefert. Die im Museum stehende Mühle stammt von einem Schleitheimer und wurde im Nachbardorf Siblingen betrieben. Eine über 400-jährige Geschichte Der geschichtliche Rückblick zeigt, dass die Ära des Schleitheimer Gipsgewerbes bereits vor mehr als 400 Jahren begann. Der Abbau wurde zuerst in oberirdischen Brüchen betrieben und ab 1790 wurden die Gipssteine in grösseren Mengen in acht Bergwerkstollen abgebaut. Zur Blütezeit des Gipsgewerbes, Mitte des 19. Jahrhunderts, fanden ungefähr 150 Männer Arbeit in Schlaate. Die Randengemeinde war damals die Hochburg der Ostschweizer Gipsindustrie. Das Bergwerk wurde 1904 durch die Gipsunion gekauft und – weil unrentabel – stillgelegt. Vier Jahre später erwarb der Gärtnermeister Christian Stamm den Stollen, liess diesen ausmauern, was heute noch sichtbar ist, und nutzte ihn aufgrund der das ganze Jahr über gleichbleibenden Temperatur von zehn Grad Celsius als Kühlschrank für das Obst. Heute ist das Bergwerk im Besitz der Stiftung zur Förderung des Gipsbergwerks und Gipsmuseums Schleitheim. Für Einzelne und Gruppenführungen Der Besuch des Museums ist attraktiv für Interessierte an der Erdgeschichte, am historischen Bergbau in der Region, der Geschichte des Schleitheimer Gipsgewerbes sowie als Anschauungsobjekt der Berufskunde des Bau- und Baunebengewerbes. Er ist aber auch als einzigartiger Höhepunkt für Schulklassen, eines Firmen-, Vereins- oder Gesellschaftsausflugs geeignet. In rund dreiviertelstündigen Führungen erfahren die Besucherinnen und Besucher sehr Interessantes sowie Wissenswertes über die Entstehung des Gipsgesteins, die Geschichte des Museums sowie des Gipsbergwerks bis hin zur Gegenwart. Sogenannte offene Sonntage werden einmal im Monat durchgeführt. Wann diese genau stattfinden, kann im Internet unter der Adresse www.museum-schleitheim.ch nachgelesen werden. Grössere Gruppen, Vereine sowie Firmen können das ganze Jahr über eine Führung mit einem Museumsbetreuer buchen. Eine einzigartige Untertagewelt Höhepunkt des Museumsbesuches ist der Gang in den begehbaren Gipsbergwerkstollen. Über dem Mundloch ist die heilige Barbara als Schutzpatronin der Bergleute im Relief dargestellt. Ein niedriger ausgebauter Zugangsstollen führt durch die überlagerte Kalkschicht bis zur Gipsschicht. Hier weitet sich das Stollenprofil mit einigen Seitenstollen aus. Die Strecke ist elektrisch ausgeleuchtet und bergmännisch gesichert. Ein fantastischer Anblick ist die Sedimentstruktur des Gipsgesteins, beeindruckend die Bergbewegungen durch Druck und Aufquellung. Halbe Bohrlöcher zeigen auf, dass der Abbau horizontal sowie vertikal erfolgte. Mit mächtig dimensionierten Rundhölzern wird der Stollen im Berg abgestützt. Besonders eindrücklich sind am Stollenende die Kaverne, die sogenannte Tonhalle, und das Wasserbecken, das als Männerbad bezeichnet wird. Die Bezeichnungen sind nur sinnbildlich zu verstehen und dienten den Kumpeln zur Orientierung. Derzeit ist eine Projektgruppe daran, eine Stollenbahn zur Beförderung der Besucherinnen und Besucher zu erstellen. Der Abbau von Gips in der Tiefe des Stollens erfolgte in mühseliger und schweisstreibender Handarbeit. Bilder: Marcel Tresch

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