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Beilage Museen der Region 2021

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20 MUSEEN DER REGION 30.

20 MUSEEN DER REGION 30. November 2021 Mit dem Aufbau des Schaudepots St. Katharinental hat Peter Bretscher seinen Lebenstraum realisiert Mehr als eine landwirtschaftliche Sammlung Die rund 12 000 Objekte der volkskundlichen Sammlung im Schaudepot St. Katharinental geben Einblick in das Leben in unserer Region vor 100 Jahren. Lara Gansser St.Katharinental. Mit welchen Geräten und Maschinen pflegten die Landwirte vor 100 Jahren ihre Felder? Wie hielten sie Mäuse von ihren Vorräten fern? Und welche Aufgaben übernahmen grundsätzlich die Frauen? Auf diese und viele weitere Fragen zu der Zeit zwischen 1800 und 1950 sind im Schaudepot St. Katharinental bei Diessenhofen Antworten zu finden. Rund 12 000 Objekte bilden die volkskundliche Sammlung als Teil des Historischen Museums Thurgau. Das Gesicht hinter der Sammlung Massgeblich am Aufbau der Ausstellung war ein Mann beteiligt: Peter Bretscher. Der in Winterthur aufgewachsene und heute in Andelfingen wohnhafte Volkskundler ist noch bis Ende November Leiter des Schaudepots St. Katharinental sowie Kurator der volkskundlichen Sammlung, dann wird er pensioniert. Zurück lässt er eine realitätsgetreue Ausstellung aus der vor- und frühindustriellen Zeit. Peter Bretscher erinnert sich noch genau daran, wie das Gebäude, das ein ehemaliges Kornhaus ist, in seinen Anfängen aussah. «Das Haus war voll von Gerümpel und weggestelltem Mobiliar. Alles, was in der Klinik nicht mehr gebraucht wurde – darunter Möbel von ehemaligen Heiminsassen – wurde hier deponiert.» In den 1970er und 1980er Jahren wurde das denkmalgeschützte Gebäude saniert. Bereits beim Betreten des Untergeschosses nimmt einen das Ambiente des Gebäudes ein. «Das Haus ist das beste Exponat, diese Wirkung hätte ein moderner Raum nie», so Peter Bretscher. Die Anfänge des Schaudepots Doch wie kam es überhaupt dazu, dass diese umfassende volkskundliche Sammlung in einem Gebäude in St. Katharinental ausgestellt werden konnte? Die volkskundliche Sammlung des Kantons Thurgau ist grösstenteils im Schaudepot St. Katharinental bei Diessenhofen untergebracht. Die rund 12 000 Objekte in der volkskundlichen Sammlung werden traditionsgemäss eigenständig kuratiert und auch von der kulturhistorischen Sammlung getrennt. Bilder: Lara Gansser Peter Bretscher holt aus: «Vor meiner Zeit gab es im Kanton Thurgau ein Museumsprojekt in der Komturei Tobel, das zehn Jahre lang vorbereitet und bei einer Volksabstimmung vor genau 30 Jahren abgelehnt wurde.» Obwohl alles fertig geplant gewesen war, sei das ganze Projekt dann wie ein Kartenhaus zusammengebrochen, erinnert sich der Volkskundler. Zur Betreuung der volkskundlichen Sammlung kam er wie folgt: «1994 wurde ich mit der Leitung der historischen Abteilung am Museum zu Allerheiligen in Schaffhausen betraut, ich hatte also bereits eine Kuratorenstelle.» Die Arbeit im Thurgau lief zuerst eher beiläufig, obwohl sie ihm schnell grosse Freude bereitete. «Mit den anfänglichen Rahmenbedingungen und ohne Auftrag wäre ich in Tobel », so der 65-Jährige. Peter Bretscher sah das Potential des Gebäudes im St. Katharinental von Anfang an: «Grosse Räume, vier Stockwerke und baulich saniert – ich wollte unbedingt etwas daraus machen.» Als er seiner damaligen Vorgesetzten im Thurgau, der Kunsthistorikerin Dr. Margrit Früh, von seinen Plänen erzählte, hatte er sofort ihre Unterstützung. Ein Jahr später lag ein Vertrag zur Nutzung der obersten Etage «für museale Zwecke» vor, nicht aber für ein neues Museum. Da das Museumsprojekt in Tobel vom Volk abgelehnt wurde, durften die Pläne nicht einfach anderswo realisiert werden. Das war eine grosse Herausforderung. «Wir waren ein Museum, durften aber keines sein. Deshalb der Name Schaudepot.» Das vom Vorgängerprojekt übernommene Kernthema, das bis heute geblieben ist, war die thurgauische ländliche Kultur. Nach und nach erhielt das Historische Museum Thurgau weitere Etagen zur Einrichtung, heute zeigt sich das Schaudepot auf vier Stockwerken und über 2000 Quadratmetern. Anfänglich auf das Thema Landwirtschaft fokussiert, geht die Thematik längst weit über diese hinaus. «Ein Geschoss ist ausschliesslich der weiblichen Arbeit und dem damaligen weiblichen Rollenverständnis gewidmet», erklärt Peter Bretscher beim Rundgang durch das alte Kornhaus. Mostindien vor 100 Jahren Im Erdgeschoss sei früher eine Trotte (Kelter) gewesen, wie der Leiter des Schaudepots erklärt. Wein- und Obstpressen aus Holz mit sämtlichem Zubehör sowie Wagen zum Herbsten lassen nicht an der Echtheit der Ausstellung zweifeln. «Das Thema Obst wird auf dieser Etage breit abgedeckt, der Thurgau heisst nicht umsonst Mostindien.» Besonders hebt der Kurator

30. November 2021 MUSEEN DER REGION 21 hervor, dass gerade die Herstellung solcher Holzpressen sehr aufwendig gewesen sei. «Hier sieht man den Einfluss der beginnenden Industrialisierung, bei der Schaffhausen eine Pionierrolle spielte», so Peter Bretscher, der auf die 1843 gegründete Schaffhauser Firma Rauschenbach anspielt, die erste und älteste Landmaschinenfabrik der Schweiz. Sehr gut ersichtlich ist auch, wie sich die Grösse der Geräte verändert hat: Mit zunehmenden Möglichkeiten an Hilfsmitteln wie Zahnrädern und Spindeln aus Eisen wurden die Maschinen kleiner und preiswerter. «Der grosse Wendepunkt kam mit den Eisenbahnen», so Peter Bretscher. Was die Ausstellung besonders authentisch macht: Die Objekte sind nicht beschriftet. «Da die Vermittlung ausschliesslich durch Führungen geschieht, brauchen wir keine Informationstäfeli», sagt Peter Bretscher über dieses Alleinstellungsmerkmal. Der Volkskundler 27 Jahre lang hat Peter Bretscher die volkskundliche Sammlung des Kantons Thurgau betreut. Studiert hat er Volkskunde (Europäische Ethnologie), Sozial- und Wirtschaftsgeschichte sowie Geschichte der deutschen Sprache an der Universität Zürich. Später absolvierte er ein Nachdiplomstudium in Museologie an der Universität Basel. Nach seiner Ausbildung arbeitete Peter Bretscher als Assistent am Volkskundlichen Seminar in Zürich, wobei er diverse Ausstellungsprojekte realisierte. Gleichzeitig war er für die Denkmalpflege im Kanton Zürich tätig, wo er Siedlungsinventare ländlicher Bauten erstellte. Seine beruflichen Weichen gestellt hat ein Auftrag in Stein am Rhein. «Für die Jakob und Emma Windler-Stiftung plante, konzipierte und realisierte ich die Ausstellung im Museum Lindwurm.» Drei Jahre lang war Peter Bretscher mit dem Steiner Museumsprojekt beschäftigt, dann schrieb er noch ein Buch darüber. «Und plötzlich kannten mich die Leute in der Museumsszene», so Peter Bretscher, der kurz darauf als Kurator ins Museum zu Allerheiligen in Schaffhausen geholt wurde. Im gleichen Jahr – 1994 – übernahm er die Betreuung der volkskundlichen Sammlung im Thurgau, auf die er sich 2002 hauptberuflich fokussierte. «Ich arbeitete aber immer nur 80 Prozent, damit ich nebenher auch kleinere, private Museumsaufträge annehmen konnte.» Jede Woche neue Angebote Wer mit Peter Bretscher durch die Ausstellung geht, kommt an spannenden Anekdoten zu den Objekten nicht vorbei. Im Bereich der Tierfallen – der frühere Umgang mit Tieren sei allgemein ein sehr spannendes und grosses Thema – führt er eine von vielen Geschichten aus: «Diese Fischreuse hat einem Familienvater gehört. Damit wilderte er in einer Forellenpacht einer Schaffhauser Gemeinde, aber nur aus Peter Bretscher hat das Schaudepot St. Katharinental in seinen 27 Jahren als Leiter sowie Kurator der volkskundlichen Sammlung zu dem gemacht, was es heute ist. Armut, um seine kinderreiche Familie zu ernähren. Es ist für mich eindrücklich, wenn ich die Schicksale hinter den Geräten kenne.» Die Gegenstände zeigten vielfach, wie die Menschen damals gelebt haben. «Jeder Gegenstand erzählt eine eigene Geschichte», so Peter Bretscher. Fast wöchentlich erhält Peter Bretscher Angebote für Objekte, die in alten Häusern gefunden werden. «Wir müssen mittlerweile vieles ablehnen», so der Schaudepot-Leiter. Sehr viele Objekte hätten sie bereits und es brauche keine fünf gleichen. «Wichtig ist mir eine repräsentative Auswahl der verschiedenen Typen.» Und es gebe noch immer interessante Objekte, die in der Sammlung fehlten: beispielsweise spezielle Handwerksgeräte oder Tierfallen, darunter etwa eine Wolfsoder Fuchsangel zur wenig zimperlichen Bekämpfung dieser Raubtiere. Bevor ein Gegenstand Platz in der Ausstellung findet, wird jedes Stück inventarisiert. «Wenn wir etwas erhalten, ist es oft verschmutzt und verrostet. Dann wird es grob gereinigt, der Rost entfernt und gegen Holzwurm behandelt», erklärt Peter Bretscher. Ziel sei es, die Objekte möglichst so zu erhalten, wie sie am Ende ihrer Gebrauchszeit aussahen. Ziel ist es, die Objekte im Schaudepot St. Katharinental möglichst so auszustellen, wie sie am Ende der Gebrauchszeit aussahen. Den Lebenstraum erfüllt Heute am 30. November wird Peter Bretscher seine Zeit als Leiter des Schaudepots St. Katharinental offiziell hinter sich lassen. Ob er traurig ist, zu gehen? «Traurig passt nicht. Ich konnte hier genau das realisieren, was ich mir immer gewünscht hatte», so der Volkskundler. Mit viel Leidenschaft hat er sich in den letzten 27 Jahren einen Lebenstraum erfüllt. Damit die Übergabe an seine Nachfolgerin, die Lehrerin und Historikerin Carmen Aliesch, möglichst gut gelingt, hat er sie in den vergangenen zwei Jahren in die Aufgaben als Kuratorin eingeführt. Für die Zukunft des Museums wünscht sich Peter Bretscher, dass es lange weitergeführt und noch breiter vermittelt wird. Und dass viele Besuchende sich auf die vielfältige Ausstellung einlassen.

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