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Gesund und Vital KW44

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GESUND & WOHL Die Last

GESUND & WOHL Die Last unserer Vorfahren Die Menschheit hat die höchsten Gipfel der Erde erklommen und die tiefsten Punkte des Meeres erkundet, aber über die Tiefen unseres eigenen Unterbewusstseins wissen wir noch immer sehr wenig. Und dieses wird offenbar sogar von unseren Vorfahren beeinflusst. Erlebten diese nämlich ein traumatisches Ereignis, insbesondere in ihrer Kindheit, kann das auch die folgenden Generationen beeinflussen. Text: Yves Keller Bilder: Yves Keller / Marcel Tresch Über die Gene können nicht nur Aussehen und Verhalten vererbt werden, sondern auch Schicksalsschläge und einschneidende Erlebnisse. Verschiedene Studien zeigen, dass sich nach traumatischen Erlebnissen der ganze Körper verändern kann: die Organe, das Gehirn und sogar das Erbgut in Spermien und Eizellen. Dies hat unter anderem die Neuroepigenetikerin Isabelle Mansuy, die als Professorin an der Uni Zürich und an der ETH tätig ist, in einer Studie mit Mäusen herausgefunden. Sie konnte mit ihrer Studie aufzeigen, dass Veränderungen des Erbguts aufgrund von Trau­ TRAUMA DER VORFAHREN Diese Feststellung hat auch Winfried Prost gemacht. Zum deutschen Philosophen und Coach, der auch in der Schweiz tätig ist, kommen oft die ganz harten Fälle. In 20 000 Beratungen habe er festgestellt, dass der Kern einer Krankheit, einer Blockade oder eines Fehlverhaltens seiner Kundinnen und Kunden oft in einem Ereignis der Vorfahren gründe. Dazu hat er das Buch «Wege zur Heilung» geschrieben, das verschiedenen Krankheiten mögliche Ursprünge zuordnet. Er ist überzeugt, dass der Grund eines Problems manchmal auch in einer früheren Generation liegen kann. «Ich suche Verhaltensmuster, die oft seit Generationen ausgeführt werden. Bei meiner Arbeit erlebe ich es immer und immer wieder, dass Menschen aufgrund der Schicksale ihrer Vorfahren leiden. Ein Beispiel: Der Grossmata in der Kindheit über mehrere Generationen hinweg vererbt werden können. In den folgenden Generationen wurden vermehrt Depressionen, verstärkte Risikofreudigkeit oder auch niedriger Blutzuckerspiegel festgestellt. Die Mäuse zeigten bei den Tests unter anderem weniger Scheu vor offenem Licht, waren asozial oder konnten komplexe Aufga­ ben schlechter meistern als Tiere der Kontrollgruppe. Ein Schicksalsschlag am Anfang des Lebens kann also gesundheitliche und psychische Auswirkungen auf die folgenden Generationen haben. 4 GESUND & VITAL / HERBST - WINTER 2020

GESUND & WOHL vater eines meiner Kunden wurde im Zweiten Weltkrieg als vermisst gemeldet und konnte nie begraben werden. Sein Sohn wurde unbewusst Friedhofsgärtner und schaufelte ein Grab nach dem anderen, und dessen Sohn, mein Kunde, war depressiv, sein Bruder war Alkoholiker, und ihre Cousine brachte sich um. In dem Moment aber, als mein Kunde symbolisch ein Grab für den gefallenen Grossvater machte, verschwand seine Depression, einige Wochen später konnte sich sein Bruder auf einmal vom Alkoholismus lösen.» ABSCHLUSS FINDEN Das klingt nun aber für manche nach purem Zufall, andere vermuten hinter solchen Geschichten Esoterik. Winfried Prost kennt diese kritischen Stimmen und gibt zu bedenken, dass er als Management-Coach viel mit Ingenieuren, Chemikern, Pharmazeuten und Ärzten zu tun habe, also mit Menschen, die der Psychologie gegenüber ziemlich skeptisch sind. «Mit Esoterik kommen Sie da nicht weit. Es braucht immer Zahlen, Daten, Fakten. Und das haben wir, wenn in einer Familie bei genauerem Hinschauen alle Mitglieder ein ähnliches Symptomsystem haben. Oft reicht es schon, dass sie das Problem in einer Sitzung mit mir angehen und gewisse Dinge aussprechen. Es geht ja nicht darum, dass sie mit irgendwelchen Geistern sprechen sollen, sondern dass sie für sich etwas abschliessen. Und da hilft es, wenn man das möglichst konkret macht.» Wissenschaftlich überprüft sind die Aussagen von Winfried Prost nicht, er ist aber der Ansicht, dass sein Buch aufgrund seiner Arbeit und deren Erfolgen einer empirischen Studie nahekommt. GUTES UMFELD HILFT STARK Zurück zur Mäusestudie der Neuroepigenetikerin Isabelle Mansuy. Hier gibt es auch eine positive Meldung. Sie stellte in ihrer Studie nämlich fest, dass nach traumatisierenden Ereignissen eine wohltuende Umgebung dazu führen kann, dass das Trauma nicht weitervererbt wird und die Nachkommen keine entsprechenden Krankheiten haben. Worum geht es? Info • Traumatische Erlebnisse können in den Genen wahrscheinlich weitervererbt werden. • Studien an Mäusen haben gezeigt, dass solche Traumata das Erbgut verändern können. • Das veränderte Erbgut kann bei nachfolgenden Generationen zu Depressionen, übersteigerter Risikobereitschaft oder tiefem Blutzuckerspiegel führen. • Ein besonders wohltuendes Umfeld kann diese Veränderungen am Erbgut wieder rückgängig machen. GESUND & VITAL / HERBST - WINTER 2020 5

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