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Museen der Region KW40

12 MUSEEN DER REGION 29.

12 MUSEEN DER REGION 29. September 2020 Das Buch «Honig den Armen, Marzipan den Reichen» übertrifft die hochgesteckten Erwartungen Die Liebe geht nicht nur durch den Magen Im Museum zu Allerheiligen in Schaffhausen wurde Mitte September das neue Standardwerk für Gebäckmodel vorgestellt: «Honig den Armen, Marzipan den Reichen» von den Schaffhauser Autoren Hans-Peter Widmer und Cornelia Stäheli. Andreas Schiendorfer* Schaffhausen. «Auf alle Fälle ist es richtig, Dir meine Begeisterung für das Werk mitzuteilen, das ein Stück Kulturgeschichte enthält», schreibt Sr. Dominica vom Kloster St. Katharina in Wil. «Für mich war es so spannend, dass ich es nicht weglegen konnte, ehe ich alles gelesen und durchgeschaut hatte. Jetzt liegt es auf für die Mitschwestern.» Ganz ähnlich tönt es in einem Brief aus Wien: «Die Freude war riesig, dieses wunderbare Modelbuch in Händen zu halten», erklärt die Volkskundlerin Gertrud Kühnel. «Sofort fing ich an zu lesen, unglaublich diese Vielfalt der kunstvollen Models, interessant und spannend, vieles ist nicht einmal den Volkskundlern bekannt.» Es ist eine Besonderheit des Corona-Jahres 2020, dass die Autoren Hans-Peter Widmer und Cornelia Stäheli schon vor der – um ein halbes Jahr verschobenen – Buchpräsentation zahlreiche Reaktionen auf die verschickten Vorabexemplare erhalten hatten. Durchwegs positive. Natürlich, überbewerten darf man solche Lobeszeugnisse nicht. Sie stammen von Gleichgesinnten, alten Bekannten, Freunden, von Liselotte Binder, Dürstelerhaus Gossau ZH, beispielsweise. «Vielen herzlichen Dank für das grossartige Buch. Wie würde sich mein verstorbener Mann freuen.» nicht nur als Beitrag zur Schaffhauser Kulturgeschichte und Katalog für die 750 Exemplare umfassende Modelsammlung des Museums zu Allerheiligen betrachtet, sondern gewissermassen als neues Gebäckmodel-Lexikon. Victor Manser vom Historischen und Völkerkundemuseum St. Gallen bringt es auf den Punkt: «Das Standardwerk wird für mich ein wichtiges Nachschlagewerk sein.» Anita Auer, die Leiterin der städtischen Museen in Villingen-Schwenningen, teilt mit, sie habe schon einige ähnliche Model(abdrücke) in der eigenen Sammlung ausmachen können. Beat Mahler, Glarner Landesarchivar, freut sich darüber, dass eine von ihm vermittelte Fotografie Eingang ins Buch gefunden hat und beweist, dass auch er das Werk gründlich studiert hat: «Auch für den Kanton Glarus relevant ist auf Seite 113 der Eintrag zur Familie Tschudi.» Eine letzte Zuschrift sei noch zitiert, weil sie einen zusätzlichen Aspekt aufzeigt: Sie stammt von Christa Fischer aus Stuttgart, der Autorin des Verkehrte Welten: Esel mit Auge auf dem Bauch sowie Dudelsack und Distel. Um 1570 wohl in Schaffhausen entstanden. Bild: Sammlung Schweizerisches Nationalmuseum Das neue Standardwerk Summa summarum machen solche Reaktionen vor allem eines deutlich: Das Buch «Honig den Armen, Marzipan den Reichen» übertrifft die hochgesteckten Erwartungen der Gebäckmodel-Gemeinde aus fast dem ganzen deutschsprachigen Raum. Es wird, verfasst von zwei Schaffhausern, Cornelia Stäheli und Hans-Peter Widmer präsentieren ihr Gebäckmodelbuch, welches auch dank Daniel Grütter, Adrian Baschung, Hanspeter Lanz sowie Hans-Rudolf Wiedmer (v. l.) so gut gelungen ist. Bild: zVg.

29. September 2020 MUSEEN DER REGION 13 Buches «Stolze Reiter, schöne Damen. Die Bilderwelt der Gebäckmodel»: «Welchen Reichtum haben Sie da zusammengetragen. Nur ich, selbst davon betroffen, kann ermessen, welcher Zeitaufwand dahintersteckt.» Krönung eines Lebenswerks Seit über 50 Jahren befasst sich Hans-Peter Widmer mit Gebäckmodeln. Nicht primär aus Liebe zu den schmackhaften Süssspeisen, sondern aus Liebe zur Kunst und aus Faszination für die Ikonographie. 1988 entschloss er sich zu einer systematischen Datenerhebung mit dem Ziel, möglichst alle in Museen und Privatsammlungen greifbaren Stücke zu eruieren, um einen repräsentativen Index der Motive und Motivvarianten erstellen und sie nach Möglichkeit aufgrund von Brand- oder Ritzzeichen oder anderer Informationen einer Werkstätte oder gar einem bestimmten Künstler zuordnen zu können. Bei den Tonmodeln nahm die kleine Reiater Gemeinde Lohn dank der hochwertigen Lehmvorkommen von Mitte 17. bis Mitte 19. Jahrhundert eine zentrale Position ein. 1999 konnte dies im Rahmen einer unter Peter Bretscher als Museumskurator realisierten Ausstellung im Museum zu Allerheiligen veranschaulicht werden. Hans-Peter Widmer und Cornelia Stäheli verfassten dazu die Begleitpublikation «Schaffhauser Tonmodel. Kleinkunst aus der Bossierer-Werkstatt Stüdlin in Lohn», eine Publikation, die nach wie vor im Museumsshop erhältlich ist. Gut 20 Jahre später liegt nun auch die Publikation über die Holzmodel des 16. und 17. Jahrhunderts vor. Wiederum kann man mit lokalpatriotischer Freude feststellen, dass Schaffhausen – neben Zürich, Luzern und St. Gallen – in der Produktion der lange als Luxusgüter gehandelten Gebäckmodel eine wichtige Rolle spielte. Unter den Goldschmieden, Medailleuren, Stempelschneidern, Glockengiessern und Bäckern, die auch Gebäckmodel anfertigten, konnte bis jetzt mit «Ysenschnider» Lorenz Rosenbaum (ca. 1500 – ca. 1575) allerdings nur ein einziger Schaffhauser zweifelsfrei bestimmt werden. Rosenbaums Vater war als Goldschmied aus Ravensburg nach Schaffhausen gezogen; er selbst übte das Medailleur-Handwerk zeitweise auch in Augsburg aus, ein Indiz für die engen Handelsbeziehungen Schaffhausens Hahnreiter. Um 1660 in Zürich entstanden. in den süddeutschen Raum, doch auch für die Bedeutung von Gebäckmodeln in dieser Region. Von Rosenbaum stammt unter anderem der auf dem Buchumschlag abgebildete Model des Samson mit dem Löwen. Zucker als seltener Rohstoff Der Titel der Publikation verweist auf die Exklusivität von Zucker: Erst 1899 wurde nach früheren zaghaften Versuchen die erste Schweizer Zuckerfabrik in Aarberg gegründet, Frauenfeld folgte 1959. Während des gesamten Mittelalters und bis in die frühe Neuzeit hinein war Zucker ein teures Importprodukt. Fernhandelskaufleute wie Lütfried Muntprat oder Rudolf Mötteli brachten ihn, als Gegenfracht für Leinwand, Wolltücher, Samt und Seide sowie Metallwaren, aus Barcelona respektive Genua in die Schweiz und die Bodensee region. Nicht zuletzt bei Süssspeisen wie Lebkuchen, Tirggel oder Anisgebäck musste man sich mit Zuckerersatz behelfen, mit dem billigen Honig oder dem teuren, vornehmen Marzipan. Ist heute das Backen mit Modeln mancherorts eine Landfrauenspezialität, so war dies früher wegen des teuren Rohstoffes vor allem Klöstern sowie in den Städten den Zünften und reichen Adels- und Bürgerfamilien vorbehalten. Die Gebäckmodel fanden Bild: Sammlung Museum zu Allerheiligen nicht zuletzt bei Hochzeiten (in Form von Allianzwappen) oder wichtigen gesellschaftlichen Anlässen Verwendung. Dabei übertrug man die Anfertigung der Gebäcke in der Regel spezialisierten Bäckern, bei denen man die Holzmodel deponieren konnte. Deshalb finden sich auf den Modeln hin und wieder Hinweise auf ihre Besitzer. Wertvolle fachliche Unterstützung Neben dem Sammler Hans-Peter Widmer und der Kunsthistorikerin Cornelia Stäheli als Ko-Autoren haben in beratender Funktion vor allem Hanspeter Lanz und Adrian Baschung vom Nationalmuseum Zürich sowie Daniel Grütter, Kurator Kulturgeschichte Museum zu Allerheiligen, zum Gelingen der Publikation beigetragen. Dank gebührt zudem Verlagsleiter Hans-Rudolf Wiedmer vom Chronos Verlag Zürich. Zur Finanzierung trugen zahlreiche Sponsoren und Privatpersonen bei, so unter anderem die Sturzenegger-Stiftung, die Jakob-und-Emma-Windler-Stiftung, Stadt und Kanton Schaffhausen sowie der Museumsverein Schaffhausen. Cornelia Stäheli, Hans-Peter Widmer. Honig den Armen, Marzipan den Reichen. Schweizer Gebäckmodel des 16. und 17. Jahrhunderts. Zürich (Chronos Verlag) 2020, ISBN 978-3-0340-1556-1. 176 Seiten, 48 Franken (für Mitglieder des Museumsvereins für 30 Franken im Museumsshop erhältlich). * Andreas Schiendorfer ist Präsident des Museumsvereins Schaffhausen. Drei Lachse im fallenden Wasser: Das Gebäckmodel entstand um 1550 in der Stadt Schaffhausen. Bild: Privatsammlung

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